Ein Haus erwacht und Sie gehen hindurch
Draußen unter den Lauben beginnt der Tag. Im Haus knistert das Feuer im Herd, in der Küche wird Kaffee gemahlen, Geschirr klappert leise. Kinder rücken ihre Lederschultaschen zurecht, der Vater legt wichtige Papiere auf den Schreibtisch, irgendwo quietscht eine Tür. Für einen Moment scheint es, als lebte die Familie noch hier. Durch das offene Fenster dringt frische Luft herein, und der Duft von frischem Brot mischt sich mit dem Rauch des Herdes. Auf der Holztreppe hallen Schritte, als jemand eilig hinuntergeht, während oben noch leise Kinderstimmen im Spielzimmer zu hören sind. Der Alltag nimmt seinen Lauf: unscheinbar, vertraut und voller kleiner Routinen.
Genau dieses Gefühl begleitet Besucher im Museum für Alltagskultur im historischen Laubenhaus von Neumarkt. Beim Rundgang sehen Sie nicht nur Räume, Sie betreten Szenen eines vergangenen Alltags.
Raum für Raum entfaltet sich das Leben eines bürgerlichen Haushalts im 19. und 20. Jahrhundert. Die Ausstellung erstreckt sich über vier Ebenen und konzentriert sich bewusst auf das reale Leben im Haus. Möbel, Haushaltsgegenstände, Textilien, Werkzeuge und persönliche Objekte wurden über Jahrzehnte gesammelt und bewahrt. In ihrem ursprünglichen räumlichen Zusammenhang vermitteln sie nicht nur historische Informationen, sondern schaffen eine Atmosphäre, in der der Alltag früherer Zeiten unmittelbar spürbar wird.
Das Museum im Laubenhaus von Neumarkt gehört zu den wenigen Museen, in denen ein vollständig erhaltenes historisches Bürgerhaus begehbar ist. Gerade dadurch wird die Wohnkultur des 19. und 20. Jahrhunderts nicht abstrakt erklärt, sondern direkt erlebt – Schritt für Schritt durch Räume, die vom Leben erzählen.
Viele der gezeigten Gegenstände sind heute aus unserem Alltag verschwunden. Manche wurden durch moderne Technik ersetzt, andere haben ihre Funktion verloren. Im Museum bleiben sie erhalten und zeigen, wie sehr sich Lebensweise, Komfort und Arbeitsabläufe verändert haben.
Wer durch das Haus geht, folgt nicht nur einer Ausstellung – sondern den Spuren eines Lebens, das hier einst ganz selbstverständlich stattfand.
Viele Museumstücke sind im Online-Katalog der Kulturgüter in Südtirol (KIS) erfasst.
Der erste Schritt über die Schwelle
Die Gemischtwarenhandlung Setnikar
Hier duftet Geschichte nach Kaffee, Öl und Schokolade. Der Rundgang startet mit einem Einkauf wie damals: Statt Supermarktregalen gab es Kolonialwaren und Alltagsprodukte, die abgewogen und häufig in mitgebrachte Flaschen abgefüllt wurden. Zu entdecken sind typische Waren des 19. und 20. Jahrhunderts – von Schokolade und Öl bis zu Kaffee, Stofffarben und Damenstrümpfen. Besonders eindrucksvoll ist die Kaffeemühle. Schauen Sie genau hin!
Im ersten Stock
Eine Kinderwelt aus vergangenen Tagen
Werfen Sie einen Blick in eine Kindheit von vor über hundert Jahren. Zwischen liebevoll erhaltenen Spielsachen entdecken Sie ein hölzernes Schaukelpferd, das einst durch Kinderzimmer schaukelte, eine ganze Puppensammlung, Teddybären, ein detailreiches Puppenhaus um 1900 sowie Kinderbücher aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Jedes Stück erzählt von Spielen, Träumen und vom Alltag bürgerlicher Familien jener Zeit. Treten Sie näher – in jedem Spielzeug steckt eine kleine Geschichte.
Im Salon oder Herrschaftszimmer
Der Duft von Kaffee liegt in der Luft, Tassen klirren leise, Gäste nehmen Platz am reich gedeckten Tisch. Im Salon – dem Herrschaftszimmer – wird spürbar, wie eine bürgerliche Familie vom Biedermeier bis ins frühe 20. Jahrhundert Besuch empfing und gesellige Stunden verbrachte. Geschirr, Möbel und Tischkultur erzählen von Gastfreundschaft, Ordnung und gesellschaftlichem Leben im Haus. Bleiben Sie einen Moment stehen – vielleicht beginnt die Szene gleich wieder lebendig zu werden.
Im Büro
Papier raschelt, eine Feder kratzt über das Blatt, Zahlen werden sorgfältig notiert. Am behäbigen Schreibtisch wird gearbeitet, gerechnet und korrespondiert. Hier pulsiert das geschäftliche Leben im alten Neumarkt. Die Sammlung von Briefköpfen erzählt vom Holz-, Obst- und Weinhandel, von Ämtern und Behörden und von einem Ort, der wirtschaftlich und verwaltungstechnisch eng vernetzt war. Hinter jedem Schriftstück verbirgt sich ein Stück Ortsgeschichte.
In der Schulecke
Leises Murmeln, Kreide auf der Tafel, zwei Kinder rücken auf der schmalen Bank zusammen. Restaurierte Schautafeln mit den Jahreszeiten vermitteln Wissen anschaulich. Unterschiedliche Schultaschen verweisen zugleich auf den sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund der Familien. Schauen Sie genauer hin – hier beginnt die Geschichte des Lernens im alten Neumarkt.
Von früherer Volksfrömmigkeit
Ein leises Gebet, eine Kerze flackert, Weihwasser berührt die Stirn. In diesem Bereich wird die Volksfrömmigkeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sichtbar. Eine umfangreiche Sammlung von Weihwasserkrügeln, Andenken aus nahen und fernen Wallfahrtsorten, Breverln, Prager Christkindlein, Wachsstöcken und kleinen Reisealtären erzählt vom Glauben im Alltag und begleitete Menschen durch Haus, Reise und Lebensphasen.
Auf dem Halbstock
Das Bade- und Ankleidezimmer
Wasser wird vorbereitet, Kleidung liegt bereit, der Tag beginnt. Im Bade- und Ankleidezimmer zeigt sich, wie selten Komfort vor hundert Jahren war: Eine Badewanne konnten sich nur wenige leisten, ebenso ein Thermometer an der Dusche. Auf dem Waschtisch stehen eine Reiseapotheke und zahlreiche Toilettenutensilien, die vom täglichen Waschen, Pflegen und Ankleiden erzählen. Sie machen sichtbar, wie sich Hygiene, Körperpflege und Wohnkomfort im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelten.
Im zweiten Stock
Die Rauchküche
Rauch liegt in der Luft, das Feuer knistert im offenen Herd. In der alten Rauchküche, auch „Rußküche“ genannt, wird spürbar, wie mühsam das Kochen früher war. Der gemauerte offene Herd steht noch an seinem Platz, die Einrichtung ist schlicht: nur das Nötigste an Geschirr, Schüsseln und Krügen auf den Regalen, Wasserkübel, die einst am Brunnen in der Gasse gefüllt wurden, und ein „Fliegenkastl“ zum Schutz der Milch. Dieser Raum zeigt eindrucksvoll, wie viel Arbeit und Alltag hinter jeder Mahlzeit standen.
Die Wohnküche
Wärme breitet sich aus, Geschirr klappert, am Tisch wird gegessen und gesprochen. Mit dem Josephinischen Sparherd hält eine wichtige Neuerung Einzug in den Haushalt: Der Rauch zieht nun durch das Kaminrohr ab, die Küche bleibt rauchfrei und wird zum Mittelpunkt des Hauses. So entsteht die Wohnküche mit Esstisch und Eckbank, in der Familie und Dienstboten zusammenkommen. In bürgerlichen Haushalten ergänzt ein hölzerner Eisschrank den Komfort: Eisblöcke im oberen Fach halten Butter, Fleisch und Getränke kühl. Die Küche wurde vom Arbeitsraum zum Lebensraum.
Im Dachgeschoss
Das Näh- und Bügelzimmer
Stoff raschelt, ein Bügeleisen wird erhitzt, sorgfältige Handarbeit formt jedes Detail. Im Näh- und Bügelzimmer wird sichtbar, wie viel Zeit und Können früher in Kleidung und Ausstattung investiert wurden. Auf Höheren Töchterschulen lernten junge Frauen, was zu einer standesgemäßen Aussteuer gehörte und wie man sich an der Pariser Mode orientierte. Hier sind Werkzeuge und Utensilien für Nähen, Bügeln und kunstvolle Handarbeiten zu sehen – aus einer Zeit ohne elektrischen Strom, in der alles von Hand geschah. Jeder Stich erzählt von Geduld und Handwerk.
Das Schlafzimmer
Das vollständig holzgetäfelte Schlafzimmer vermittelt die Intimität, die früher die Schlafräume wohlhabender bürgerlicher Haushalte prägte. Das Biedermeierbett, ein Hochzeitsbild an der Wand, Toilettenspiegel, silbergefasste Haarbürste und der Leibstuhl erzählen vom persönlichen Alltag, von Pflege, Ritualen und Lebensgewohnheiten vergangener Zeiten. Der Raum lädt dazu ein, einen Moment innezuhalten und sich vorzustellen, wie hier einst geschlafen, sich vorbereitet und der Tag begonnen oder beendet wurde.